Demnächst muss ich wieder zum TÜV - oder vielmehr unser kleines Auto. Allein der Gedanke macht mich schaudern. Was wird der gestrenge Herr im Kittel wohl finden mit Taschenlampe und Hämmerchen? Die verstehen echt keinen Spaß da, diese TÜVtler. Eine Kleinigkeit - und aus isses mit der Plakettenherrlichkeit für die freie Fahrt für freie Bürger.Ach, wenn doch nur der TÜV immer so pingelig wäre. Die Prüfer vom Überwachungsverein haben doch den vollen Durchblick. Oder doch nicht?
Da haben die doch glatt astzarte Praktiker-Ware in die Brüste von 10.000 Frauen stopfen lassen, ohne mal genau hinzuschauen.
Und jetzt haben die den Schlamassel. Erst rein mit dem billigen Baumarkt-Silicon für teures Geld, und jetzt wieder raus damit. Sonst ist nämlich Schluss mit (vermeintlich) schön, weil nämlich das Wabbelzeug alles andere als gesund ist. Tja, und nun fragt sich so manche Busen-Fetischistin verzweifelt, wo sie jetzt 'nen Sponsor her bekommt für die Demontage. Aber das ist eine andere Geschichte, die nicht hier her gehört.
Ach so, der TÜV. Der will jetzt nichts mehr damit zu tun haben, wo das ungesunde Zeugs nicht bei Bauhaus, Bahr und Praktiker, sondern lebensbedrohend in den zuvor natur-schönen, aber eben auch altersgemäß nicht perfekten Frauen-Brüsten gelandet ist. Was soll er machen? Er ist eben von einer jahrelang hoch angesehenen, nur leider ziemlich kriminellen Firma mit frisierten Papieren reingelegt worden. Shit und eben auch Silicon happens.
Mal rein kucken? Nööö
Mal rein kucken, was da in den Kissen schwabbelt - so ähnlich wie beim Auto? Nööö.
Und auch die anderen, die eigentlich genauer hinsehen sollten, wollen es jetzt nicht gewesen sein, wo das Silicon aus den Kissen platzt. Da gibt es zum Beispiel das BfArM. Das ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.
Aber die blättern auch nur gelangweilt in den wunderbaren Gutachten, die ihnen die Firmen vorlegen. Stempel drauf - und schon ist alles ganz legal: Auch die zweckentfremdete verdächtig billige Bau-Dichtungsmasse, mit der dann so genannte "Schönheits"-Chirurgen die Brüste von Menschen für teures Geld ausstopfen. Geiz scheint tatsächlich geil zu sein.
Fast nur Gewinner - bis auf 10.000 Frauen
Übrigens gibt es fast nur Gewinner bei dem schmutzigen Deal: Die kriminelle, aber hoch angesehene Herstellerfirma hat sich dumm und dämlich verdient, die angeblichen Prüfer hatten ihre Ruhe, und die Schönheits-Schnippler verdienen gleich doppelt: Erst beim teuren Stopfen mit Billigware und jetzt beim wieder raus holen.
Ach so, ein paar Verlierer gibt es dann doch: Allein in Deutschland mindestens 10.000 Frauen.
Was - bittschön - haben nun die bröselnden, reißenden, schwitzenden Baumarkt-Brüste von Möchtegern-Barbies mit uns Chronikern zu schaffen?
Ich sehe vor meinem inneren Auge bereits die genervt-gelangweilt hochgezogenen Augenbrauen der Pharma-Junkies in der Selbsthilfe-Szene.
Stimmt. Die meisten von uns haben ganz andere Probleme als die Ersatzteilbeschaffung oder das Body-Tuning - obwohl: Parkinson schützt bekanntlich weder vor Dummheit noch vor Silicon.
Aber darum geht es auch gar nicht. Ein Problem haben wir nämlich gemeinsam mit den zunächst unecht, aber stolz und jetzt eher ängstlich gewölbten Brust-Größenwahnsinnigen (und den wirklichen Opfern, die medizinisch indiziert solche Prothesen tragen müssen): Wir alle sind auf Gedeih und Verderben den Kontrollmechanismen für die Produkte der Pharma-Konzerne ausgeliefert. Und die sind das Papier der derzeitigen einschlägigen Gesetzestexte und Verordnungen nicht wert. Das hat sich jetzt wieder gezeigt.
Nur wenig vereinfachend sieht es immer noch so aus: Die nimmersatten Herrschaften in den Pharma-Chefetagen suchen sich, ganz legal, selbst die Expertise aus, die ihnen am besten gefällt - oder lassen sich gleich selbst ein Gutachten schreiben, das den erhofften Umsatz und Gewinn, Unbedenklichkeit bescheinigend, sichert.
Prüfer prüfen nicht wirklich
Die Kontrollgremien von TÜV bis BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) nicken das dann ab, und gut is' - bis zum nächsten Skandal. Und dann will es wieder keiner gewesen sein.
Auf die Gefahr hin, dass die Selbsthilfe-Pharma-Gläubigen, die sich freiwillig an den Sponsor-Tropf der Industrie und des Handels hängen, mich mal wieder zum abnormalen Irren erklären: Wer sich als Selbsthilfe-Akteur weiter in die finanzielle Abhängigkeit von gewinnorientierten Unternehmen begibt - dazu noch als Chroniker, der auf nicht nur wirksame, sondern auch möglichst sichere Pharmaprodukte angewiesen ist - der oder die darf sich nicht wundern oder gar beklagen, wenn ihm oder ihr das Baumarkt-Silicon nicht nur die natürliche Schönheit, sondern auch die Gesundheit versaut oder weiterhin gefährliche Risiken, Neben- und Folgewirkungen von Arzneimitteln oder operativen Eingriffen verschwiegen oder klein geredet werden.
Ganz und gar siliconlos aber gesund-misstrauisch grüßt
Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos

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