Ich gestehe: Auch ich habe wiederholt die BILD und ihre Mitarbeiter wild beschimpft - und hätte liebend gern eine Menge "Berichte" in dem Blatt nicht gesehen. Ja, ich habe sogar gemeinsam mit anderen Straftätern unter Anwendung körperlicher Gewalt (geballtes Herumstehen vor dem Essener Druckhaus der Springer-Presse) 1968 nach der Hetzkampagne gegen und dem Attentat auf Rudi Dutschke versucht, die Pressefreiheit der BILD-Kollegen einzuschränken (mit mäßigen Erfolg).
Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen deshalb und habe mich mehr als 43 Jahre lang mit Selbstvorwürfen gequält. Immerhin hatte ich es offensichtlich am schuldigen Respekt vor unserer Verfassung und dem Artikel 5 des Grundgesetzes mangeln lassen.
Seit heute Abend geht es mir wieder richtig gut:
Wenn ich es so recht bedenke, hatte ich nämlich auch so eine schwierige Kindheit (tiefschwarze römisch-katholische Sozialisation - genau wie unser geliebter Präsident)
Und - ganz ehrlich: Als ich da so rumlungerte im erfrischenden Strahl der Wasserwerfer vor dem Essener BILD-Building und die Pressefreiheit sozusagen mit Füßen trat: Da träumte auch ich lebhaft von der kleinen Familie, vor die ich mich (noch nicht real, aber irgendwann ja vielleicht) triefend nass und bibbernd stellte.
Zugegeben: Irgendwelchen BILD-Chefredakteuren war meine Straftat damals ziemlich schnurz (auf das neue BILD-Opfer nehmen die Herrschaften ja auch nicht wirklich Rücksicht).
Und noch eines verbindet mich auf ewig mit dem ein wenig prominenteren Medien-Schlachtlamm dieser Tage: Auch ich war zutiefst davon überzeugt, dass ich "nichts Unrechtes getan" hätte.
Ach so, vielleicht gibt es ja doch einen winzigen Unterschied zwischen dem Unschuldsengel Wulff und mir: Ich habe (bisher jedenfalls) meine Landsleute damit verschont, sie präsidial und virbildlich repräsentieren zu wollen, ja, ich hätte - ganz und gar nicht wie er - absolut keinen Spaß an dem Job.
Und das ist auch gut so.
Einigen wir uns unter uns Demokraten einfach darauf: Ich glaubte, einen verdammt guten Grund zu haben, als ich die Pressefreiheit der BILD vor 43 Jahren nicht sonderlich erfolgreich, aber immerhin für ein paar Stunden behinderte. Und ich befand mich damals trotzdem im Widerspruch zu unserer Verfassung - und unsere "Verfassingswidrigkeit" wurde uns damals ja auch immer wieder von den Parteifreunden des Herrn Wulff genüsslich unter die Nase gerieben.
Hmmm, und jetzt erlaube ich es mir eben auch, dem Präsidenten, Repräsentanten und Hüter der Verfassung mit der schwierigen Kindheit, sein verfassungswidriges Tun trotz seinem wieder mal erklärten angeblichen Respekt vor der Pressefreiheit unter ebensolches Riechorgan zu reiben.
Irgendwie scheinen der Schnäppchenjäger und Verteidiger des häuslichen Herdes Wulff und der immer noch widerborstige Alt-68er Maas einige Gemeinsamkeiten zu haben. Anders gesagt: Der Krischan aus Osnabrück hat vom Niederrhein-Jos mit dem rebellischem niederländischen Blut in den Adern zumindest in Sachen des gelegentlich laxen Umgangs mit verfassungsmäßigen Prinzipien gelernt zu haben.
Guter Mann, der Wulff.
Aber vielleicht doch nicht so wirklich kompatibel mit dem ihm von einer Bundeskanzlerin in Nöten angedienten Amt.
Norbert Jos Maas

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