Verständlich. Menschen, die wegen ihrer Krankheit oder Behinderung äußerlich auffällig sind, sich mental oder kognitiv irgendwie von der grauen Masse abheben, leiden möglicherweise darunter, aufzufallen – oder schlimmer: Von angeblich normalen Mitmenschen als „andersartig“ be-, richtiger: misshandelt zu werden.
Für mich ist „Normalität“ eher kein Thema. Und mich interessieren im Laufe der Jahre diese einerseits sehr abgehobenen und theoretischen, andererseits von großer persönlicher Betroffenheit geprägten Gespräche immer weniger. Warum? Ganz einfach: Ich war wohl nie das, was so allgemein unter "normal" verstanden wird. Zumindest, wenn ich mal unterstelle, dass die viel bemühte Normalität irgendwie immer von einer weitestgehenden Anpassung an gerade geltende gesellschaftliche Mehrheiten und den sich daraus ergebenden Zwängen ausgeht. Und – um es vorweg zu nehmen: Ich habe mich einerseits einfach daran gewöhnt, anders zu sein, andererseits habe ich gelernt, offen und auch offensiv damit umzugehen. Beispiele. Meine nicht freiwillig gewählte römisch-katholische Sozialisation, die nicht allzu weit von Inquisition und sonstigen Macht- und Angst-Mechanismen entfernt war, wollte und konnte ich schon als Kind nicht akzeptieren. Damit war ich natürlich alles andere als "normal". Damals habe ich zunächst darunter gelitten. Kinder und Jugendliche finden es nicht toll, anders zu sein. Und am unteren Niederrhein ist das wohl eine der schlimmsten Todsünden. Aber irgendwie war es mir wohl schon vor 50 Jahren wichtiger so zu sein wie ich nun mal bin und nicht wie es anderen lieber wäre.
Später hatte ich es einfacher. Ich hatte das Glück, mich beruflich weitgehend selbst verwirklichen zu können. Einfach war das auch nicht immer. Aber es störte mich nicht mehr. Es gab eben angepasste, "normale" Kollegen in den Redaktionen. Die waren weder "besser" noch "schlechter" als ich. Eben nur anders. Ich auch. Na und?
Richtig schlecht ging und geht es mir in meinem Leben immer nur, wenn ich versuche "normal" zu sein, mich - um nur nicht anzuecken - um jeden Preis anzupassen. Das ist zwar unauffällig und bequem. Aber es geht nicht gut. Es bekommt manchen Menschen in meinem Umfeld vielleicht gut. Mir nicht. Und ich bin nicht dazu da, dass es anderen gut geht.
Weil ich - so gesehen - ziemlich viel Übung im mehr oder weniger auffälligen, zuweilen auch ausgrenzenden und ausgegrenzten Anderssein habe, waren für mich die wieder mal von der scheinbaren Norm abweichenden Auffälligkeiten meiner Krankheit, dem Morbus Parkinson, keine Frage von: Bin ich normal oder nicht?
Natürlich bin ich nicht normal. Warum sollte ich. Ich bin anders. Und das sind alle Menschen. So gesehen bin ich - normal.
Ach so: Nicht normal ist es für mich, wenn Menschen, die sich selbst für die Messlatte der Normalität halten, mich und andere Behinderte für "nicht normal" halten und uns entsprechend begegnen (und sei es in, wie sie treudoof meinen, bester Absicht).
Deshalb - und in der Hoffnung, in manchen Gehirnen ein Überdenken der betonierten Normalität anzustoßen - bezeichne ich mich selbst ohne jede Koketterie mit meiner Krankheit und Behinderung gerne immer wieder mal als Krüppel.
Als ganz normaler Krüppel grüßt
Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos

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