Was sind wir chronisch Kranken eigentlich so mehr rein menschlich gesehen? Eine blöde Frage? Irgendwie schon. Chroniker sind wie der Rest unserer zweibeinigen Spezies, die sich irrtümlich immer noch für die Krone der Schöpfung hält, nun mal keine identisch gestanzten Hosenknöpfe und deshalb eher weniger auf einen griffigen Nenner zu bringen. Aber das „rein Menschliche“ macht sich immer gut und wird ja gern für dies und das strapaziert. Wenn man sonst nicht mehr weiterkommt mangels Argument-Masse – mit „Du musst das mal von der rein menschlichen Seite her sehen“, kann dir keiner was. Da sollen dir die Klugscheißer mal kommen.Und es gibt auch durchaus diesen und jenen speziellen „menschlichen“ Wesenszug bei uns „Unheilbaren“ - um mal eine Prise Pathos ins Spiel zu bringen.
Vielleicht hängt die auffällige Ausprägung dieses oder jenes Grundverhaltens ja wirklich mit dem an sich eigentlich nicht besonders dramatischen Lebenslänglich-Urteil "unheilbar" zusammen. Und damit fängt’s ja schon an, mächtig zu menscheln: Als Parkinson-Patient kann ich zum Beispiel so gut wie sicher sein, nicht an dieser unheilbaren Krankheit zu sterben. Aber ich habe ja immerhin „lebenslänglich“. Mit dieser menschelnden Keule kann ich jeden erschlagen. Hat doch was.
Ich höre immer wieder von anderen Chronikern- und vor allem von solchen, die es viel härter -nämlich letztlich letal - trifft, dass speziell wir Parkinson-Menschen uns vor allem durch zweierlei in unserem Verhalten "auszeichnen":
Der Morbus Parkinson und/oder unsere Medikamente und operativen Eingriffe machen uns hypersensibel - weniger sensibel ausgedrückt: Wir werden zu Monster-Mimosen.
Die zweite gemeinsame Eigenschaft der Parkinson-Fraktion scheint zu sein, dass wir entweder so tun als wären wir noch die Alten und trotzig versuchen, die Krankheit als so eine Art Schnupfen dritten Grades zu verdrängen (diese Spielart ist vor allem bei jüngeren, noch einigermaßen mobilen Patienten zu beobachten).
Oder aber - und ich halte das für fast dasselbe, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Wir weisen immer und überall und bevorzugt, wenn auch nur ein Hauch von Kritik droht, dezent darauf hin, dass wir nun mal unheilbar sind, und darauf hat dann gefälligst der schäbige Rest der Welt Rücksicht zu nehmen: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche - und egal, ob wir uns benehmen wie bei Hempels unterm sprichwörtlichen Sofa.
Parkinson scheint eine patentierte eingebaute Generalamnestie für jegliches Fehlverhalten zu beinhalten. Eine äußerst praktische Krankheit.
Ich selbst versuche seit gut zwei Jahren mit wechselnden Erfolgen vor allem den Pauschal-"Freispruch" für mich nicht übermäßig zu strapazieren. Damit kämpfe ich fast mehr als mit der bescheuerten Krankheit – und das vom ersten Tag der "meine Diagnose"-Ära an - übrigens auch so ein Event, das wir stolz vor uns hertragen wie eine Fahne oder einen Orden - der Unabhängigkeitstag der Amis ist ein Dreck dagegen.
Aber ansonsten sind wir Chroniker „rein menschlich“ betrachtet wohl ziemlich normal. Ich kenne kluge, kritische Köpfe bei uns und ausgesprochen geistig minderbemittelte, wir sind eitel und arrogant, bescheiden und einfühlsam, fürchterliche Wüteriche und ganz liebe Menschen.
Das wird's sein.
Wir Chroniker sind, mal „rein menschlich“ gesehen - so eine Art Menschen
Binsenweise grüßt
Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos
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