Donnerstag, 15. September 2011

Der Experte ist dem Halbgott sein Bezwinger



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Wenn echte Experten auf Halbgötter prallen
- oder: Ärzte sind eh doof -

Mediziner stehen ja immer noch im Pauschalverdacht, mehr oder weniger, auf jeden Fall aber halb und halb, göttlich zu sein.

Halb und halb?

Auch als mathematischer Ganzversager zähle ich an ein paar Fingern zusammen, dass halb plus halb gleich ganz ist. Und wir wollen ja nicht übertreiben. Ziehen wir also wieder die eine Hälfte von “halb und halb” ab. Was haben wir dann? Arzte sind, oder wollen es sein, oder werden so gesehen: Halbgötter.

Heute übrigens kaum noch in, den Blutdruck prompt in ungeahnte Höhen jagendem klinischen Weiß, getränkt mit penetrantem Karbol-Duft. Der Doktor von Welt hat, nicht erst seit dem smarten Lügen-Baron, vorsichtshalber erst gar keinen Doktor mehr vorneweg; ein Bindestrich im angeheirateten Doppelnamen ist nicht nur unverfänglicher gegenüber Wikiplag, sondern macht letztlich doch viel mehr her.

Und wie ist es ansonsten mit dem medizinischen Eindruckschinden vor der Kundschaft?

Chirurgen haben es leicht bei der halbgöttlichen Imagepflege. Ein knallbuntes oder stylisch schwarzes Kopfhäubchen (auch bei Sterneköchen sehr angesagt) sowie ein lässig unterm Kinn baumelnder Mundschutz und die sorgsam von der langbeinigen durch und durch blonden Assistentin auf dem Kittel applizierten Blutspritzer, die dezent auf dramatisches Werk hinweisen, lassen keinen Zweifel an der Hyperkompetenz aufkommen. So einem erlaubt man dann gerne, auch mal in seinem Hirn rum zu stochern.

Internisten oder Neurologen haben es schwerer mit ihren halbgöttlichen Accessoires - bis auf die auch bei ihnen längst dezent durch die Sprechstunde wuselnde Blondine, neuerdings die intellektuelle Note im Abgang gern betont mit schwarzer Hornbrille (nicht selten fensterverglast).

Je nach politischer Ausrichtung tun außerdem ein lässiger Designer-Kaschmir-Pulli oder das wildseidene Casual-Shirt recht brauchbare zusätzliche Image-Dienste. Hochgezogene Augenbrauen und Halbbrille können auch nicht schaden. Der formelle Frack dagegen ist selbst bei Upperclass-Medizinern aus der Mode gekommen – eigentlich schade (so gewandet reicht der Halbgott schon nicht mehr, unter einem Dreiviertelgott tat es so ein akademischer Oberkellner erst gar nicht, und die armen Patienten bekamen zuverlässig Ehrfurcht boostendes Fracksausen).

Ganz und gar ohne jedes modische Gedöns kommen allerdings die neuen Lichtfiguren in den Arztpraxen aus, gegen die jeder halbgöttliche Glanz, ob nun im blutbesprenkelten Kittel oder im Seidenhemd, verblasst.

Es ist

DER EXPERTE.

Und der sitzt – seit es die forenorientierte Selbsthilfe gibt – mitnichten Stethoskop behängt hinter dem Schreibtisch, sondern internet-belesen als Dienstleistung heischender Kunde davor. Und die halbgöttliche Arroganz des Herrn Doktors vergangener Tage hat gegen
  • das Feeling, 
  • die urgesunde Hypochondrie und die 
  • unschlagbare Mischung aus pessimistischem Wunschdenken und verdrängender Schwäche-Verleugnung der Experten letztlich keine Chance. Dabei geben wir Patienten-Experten uns nicht etwa mit einem Arzt-Patiententreff auf Augenhöhe zufrieden (übrigens mutiere auch ich als Chroniker wahrscheinlich unaufhaltsam zu dieser Species).
Richtig glücklich sind wir erst, wenn wir die alten Verhältnisse auf den Kopf gestellt haben.

Und fast ein bisschen gesund fühlen wir uns dann, wenn wir endlich einen Doc gefunden haben, der – für uns unüberfühlbar - medizinisch deutlich schwächelt, uns von Herzen zustimmt, wenn wir unsere unfehlbare Eigendiagnose stellen (schließlich wissen ja nur wir, wie hundsmiserabel es uns geht) und – nach Wahrung der üblichen halbgöttlichen Schamfrist – die von uns empfohlene Therapie, ach was: befohlene Therapie, gehorsam und einsichtig verschreibt.

Und wenn die dann doch nicht hilft? Ja dann ist selbstverständlich der unfähige ignorante Trottel von Halbgott in Weiß schuld. Wer sonst?

Als vielleicht auch bald Experte grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos

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