Samstag, 30. März 2013

Eiersuche - eine Stunde zu früh und vom Schnee verweht

Es reicht. Oder richtiger gesagt: Er reicht. Er, der Winter. Dem reicht nämlich nicht mehr die ohne hin reichliche Zeit, für die er ordnungsgemäß im Kalender eingetragen ist - also die Zeit vom 21. Dezember bis zum 19. März. Nein, jetzt macht sich der schauderhaft frostige, und verschneite Geselle auch noch skrupellos im Frühling breit und bräsig.

Da wartet unsereiner, wartet und wartet, dass man endlich zu den sich immer noch meldenden Frühlingsgefühlen die passende Jahreszeit geliefert bekommt, die längst an der Reihe ist und uns mit milden Lüften mitsamt dem blauen Flatter-Band von Eddie Mörike, dem alten Romantiker, betört; nicht zu vergessen die dazugehörigen Mörikeschen "wohlbekannten" Düfte (Jauche zum Düngen?) und die Veilchen (aber die können wir uns zur Not ja sogar aus dem Garten-Center besorgen).

Aber ansonsten: Kein Frühling weit und breit in diesem Frühling.

   Lawinen-Hunde und schweres Gerät gesucht - zum Suchen   

Und nicht genug damit, dass nach der grünen Weihnacht nun der Osterspaziergang in Schneewehen steckenbleibt und zur Eiersuche tunlichst Lawinenhunde und schweres Schneeräumgerät eingesetzt werden sollten.

Um das Maß des Ungemachs voll zu machen, steht zu allem weißen Übel auch noch die sogenannte Sommerzeit kurz bevor. Ausgerechnet in der Nacht zum Ostersonntag (und mitten im Winter) werden unsere Funkuhren um eine kostbare Stunde vorgestellt.

SOMMER-Zeit?

Dass ich nicht lache. Zeit ist Zeit - sommers wie winters. Ich brauche meinen Schönheitsschlaf - irgendwann muss er ja schließlich doch noch seine Wirkung tun. Das funktioniert aber bestimmt nicht, wenn mir hinterrücks einmal im Jahr in einer groß angelegten Nacht- und Nebelaktion, an der unter anderem geheimnisvolle Atomuhren in Braunschweig und ein Langwellensender bei Frankfurt beteiligt sind, eine wertvolle Stunde Schlaf geklaut wird.

   Die grauen Herren lassen grüßen   

Es tröstet nur wenig, dass mir die gestohlene Stunde von den Zeitdieben (die grauen Herren in Michael Endes "Momo"?) "großzügig" wieder erstattet wird: Im Herbst, zur Winterzeit (da ist es wieder, das grausig-eiskalte Wort "Winter"). Übrigens ist die sogenannte "Winter"-Zeit eine Erfindung der Zeitdiebe: Tatsächlich ist es die ganz normale Zeit, an der wir real ja gar nichts drehen können - und das ist auch gut so.

Mit meiner Sehnsucht nach sowohl echtem Frühling als auch echter Zeit bin ich nämlich nicht allein: 70 Prozent der Deutschen leiden mit mir nach einer Umfrage. Sie haben wie ich keine Lust auf Schlappheit, Schlafprobleme und Schnappatmung, wenn sie zum Beispiel merken, dass sie die verzwackte Zwangs-Zeitverschiebung versehentlich verpennt haben sollten.

Und eine schwedische Studie kam zu dem Schluss: In den Tagen nach der Zeitumstellung erleiden sogar ein paar Menschen mehr als sonst einen gediegenen Herzinfarkt.

Na danke!

Gut, dass ich kein Schwede bin – aus Deutschland wurde derlei nämlich nicht gemeldet.

Die Sommerzeit-Probleme beschert uns übrigens unsere innere Uhr: Die ist unbestechlich und schert sich nicht den Zeiger um politische Zeitdiktate oder Spielereien mit Braunschweiger Atomuhren oder hessischen Langwellensendern.

Dabei könnten wir ja gerade zu diesem Ostersonntag die Stunde Schlaf besonders gut gebrauchen, die uns nachts um zwei gestohlen wird, wenn die Zeiger der Funkuhren wie von Geisterhand bewegt eine Stunde weiter auf frei erfundene drei Uhr vorrücken. Bliebe alles bei der guten alten, zur "Winterzeit" degradierten normalen Zeit, dann könnten wir friedlich ein Stündchen länger schlafen und würden nicht vor der Zeit geweckt, um den Winter mitten im Frühling an einem verschneiten Ostersonntag zu durchbibbern.

Fröstelnd und jetzt schon verschlafen grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


Samstag, 2. März 2013

Ein (Toten-)Tänzchen in Ehren



Ich bin bekennender Pessimist – bitte nicht verwechseln mit dem üblichen sterbenslangweiligen Miesepeter. Meinen Pessimismus habe ich mir hart erarbeitet im Laufe der Lebensachterbahn. Und die folgte – und folgt - über weite Strecken Murphys Gesetz - der US-amerikanischen Ingenieur Edward A. Murphy jr. beschrieb nämlich ganz einfach die Lebenswirklichkeit, als er feststellte: „Whatever can go wrong will go wrong.“ („Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“). Man könnte auch sagen: Das Leben ist kein Ponyhof. 

Wir Pessimisten sind im Allgemeinen nicht sonderlich beliebt. Wir gelten als Spaßbremsen, Spielverderber oder Spökenkieker. Mag ja durchaus sein, dass da was dran ist.

Aber wenn da was dran ist, dann sind wir verdammt langlebige Spielverderber. Die meisten von den Zeitgenossinnen und -genossen, die mir seit jeher auf den Nerv gehen mit ihrer Schönrederei und ihrem unerträglich verlogenen Optimismus sind nämlich länger tot als unsereiner mit unserer meist weniger rosigen Sicht der Dinge.

Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben nämlich gemeinsam mit Wissenschaftlern der Humboldt-Universität Berlin und der Universität Zürich nachgewiesen, dass Optimismus im Alter zu einem erhöhten Erkrankungs- und Sterblichkeitsrisiko führen kann.

Auch den Umkehrschluss fanden die Forscher bestätigt: Pessimisten geben in der Regel später den Lebenslöffel ab als die Typen mit der rosa Brille auf der Nase.

Die Forschungsergebnisse auf der Grundlage von Daten der Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) hat eindeutig ergeben, dass ältere Menschen, die ihre künftige Zufriedenheit gering einschätzen, länger und gesünder leben als ältere Menschen, die für sich eine rosige Zukunft sehen.

Da ich nicht nur bekennender Pessimist bin, sondern mir gelegentlich auch mal einen gehörigen Schluck aus der Schadenfreude-Pulle gönne, gehe ich davon aus, dass mir noch so manches Tänzchen auf den Gräbern derjenigen vergönnt sein dürfte, die mich im Brustton der Überzeugung und des Besserwissens als Schwarzmaler und geradezu Misanthropen sehen. Dass das mit dem Gangnam-Style, dem Harlem Shake oder dem guten alten Graveyard Waltz von den Hooters auf den letzten Ruhestätte der früh verblichenen Optimisten wohl doch nix wird - oder wenn, dann eher mental, liegt an meinem unverwüstlichen Pessimismus: Getreu Murphy's Law werde ich diese Tänzchen bewegungsgestört wie ich es jetzt schon bin, wohl nicht mehr mit flotter Sohle auf das Grabplatten-Parkett legen können.

Ich sag's ja: Was schief gehen kann, geht auch schief. Und ein ebenso wohlverdienter wie schadenfroher Tanz auf den Gräbern der Damen und Herren mit den bonbonrosa Brillen wird dann wohl damit enden, dass ich gepflegt auf die Schnauze falle.

Dennoch zumindest im Geiste fröhlich tänzelnd
und viele viele Jahre pessimistisch, aber neugierig und quicklebendig auf das schauend, was mich noch so alles erwartet,

grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos

Freitag, 22. Februar 2013

Parkinson hat auch sein Gutes

"Wofür ist eigentlich so ein Parkinson gut?" Diese zumindest auf den ersten Blick blödsinnige Frage bewegt offensichtlich doch immer wieder viele von der nach wie vor unheilbaren Krankheit ge- und betroffene Menschen. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man den einschlägigen sich endlos wiederholenden Diskussionen in ebenso einschlägigen Internet-Foren Glauben schenken mag. Eigentlich pflege ich die nicht gerade zielführende Frage nach dem Sinn oder Unsinn von Krankheiten mit dem lapidaren Hinweis auf happenden Shit zu beantworten.

Aber manchmal komme ich eben doch ins Grübeln.

Für irgendetwas muss doch auch diese an sich unziemlich lästige und zuweilen unangenehme Krankheit zu gebrauchen sein. ("Für etwas gut sein"), sinniere ich zuweilen so vor mich hin.

Und vielleicht habe ich jetzt endlich tatsächlich einen Sinn des Parkinson gefunden, in Gestalt einer machbaren und lohnenden Beschäftigung: Schon 1985 stellten die Rock-Pop-Blödelbarden der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (EAV) fest: "Das Böse ist immer und überall". Mit dieser Erkenntnis und ihrem unvergesslichen Ba-Ba-Banküberfall stürmten die Barden wochenlang die Charts.

Soll ich jetzt österreichisch lernen und zu jodeln anfangen - choreografisch angereichert durch diverse Parkinson-Symptome vom Tremor bis zu Überbewegungen?

Gar nicht schlecht die Idee - aber der echte "Burner" oder "Bringer" wäre ein mehr oder weniger gekonnt zappelnder und grölender Jos wohl doch nicht. Damit machen sich schon genug andere zum Horst in all den Casting-Shows.

Nein, die kühne, aber Gewinn verheischende Idee ist der "Ba-Ba-Banküberfall" selbst. Ich sehe herrlich harmlos aus, kriminelle Energie vermutet kein noch so misstrauischer Bank-Angestellter oder Security-Hilfssheriff bei einem Rollator-Schieber wie mir - und selbst wenn doch letztlich alles schief ginge, könnte mir nicht viel passieren; immerhin ist es im worst case ja nicht auszuschließen, dass die Fahnder mich auf meiner eher gemächlichen Flucht am Rollator nach dem Griff in die Bankkasse doch einholen und ergreifen. Man bedenke: Selbst im Turbo-Modus tripple ich deutlich langsamer als ein Streifenwagen der Häscher.

Na und? Meine Chancen auf Straffreiheit wären auch für diesen Fall der Fälle gar nicht mal so schlecht. Möglichst tragisch anmutende chronische Krankheiten sind nämlich der sozusagen letzte Schrei bei smarten Strafverteidigern.

Im beschaulichen Augsburg stehen gerade zwei mutmaßlich nicht wirklich angenehme Zeitgenossen vor Gericht, denen nicht nur mehrere Überfälle, sondern auch ein ausgesprochen brutaler Mord an einem Polizisten vorgeworfen wird. Der eine der Brüder hat eher übersichtliche Chancen, mangels Beweisen ungestraft davon zu kommen.

Aber der ältere der beiden hat ein echtes As im zitternden Ärmel: Er hat Parkinson. Und mit dieser Krankheit, so sein Verteidiger-Cleverle, wäre er gar nicht in der Lage gewesen, zum Meuchelmörder zu werden. Nix da von wegen "The evil ist always and everywhere".

Warten wir das fürs Ende dieses Jahres erwartete Urteil ab. Bis dahin halte ich mich aber doch wohl lieber wörtlich an den österreichisch-deutschen Hit vom "Ba-Ba-Banküberfall" von 1985: Der endet - nachdem der biedere Bankräuber sich brav in die Warteschlange vor der Kasse eingereiht hatte, damit, dass der böse Bube dann doch lieber was einzahlte statt gewaltsam abzuheben.

Weiterhin ziemlich gesetzestreu grüßt
Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


Samstag, 2. Februar 2013

Freispruch fürs Frühstücksei

Ich will nicht lange rumeiern. Ja, ich bin ein Eier-Freak. Ob als eigelb-weicher Start in den Tag zum deftigen Frühstück, perfekt viereinhalb Minuten in sprudelnd kochendem Wasser zubereitet, ob als Omelette, ob als Rühr- oder Spiegelei für den kleinen Hunger zwischendurch: Ich mag diese Hinterlassenschaften des gackernden Hühnervolkes - natürlich aus politisch-korrekten, streng biologischen Freiluft-Hennen-Popos - wer will schon mit schlechtem Gewissen am Frühstückstisch sitzen.

Aber genau das war dann doch jahrzehntelang ein Problem. Wir Eiergenießer trauten uns kaum, noch so korrekte Eier aus artgerechter Haltung in größeren Gebinden aus dem Supermarkt in den Einkaufskorb zu legen - wussten wir doch nie, ob uns nicht unser Hausarzt unversehens am Supermarkt-Eier-Regal bei der Vorbereitung der nächsten Eier-Orgie überraschen würde (in seinem Wartezimmer wurde schon darüber gemunkelt, dass "der Herr Doktor" mitsamt Doktor-Gattin beim Einkauf in just diesem meinem Lieblings- Supermarkt gesichtet worden war.

Hätte mich der Doc als notorischen Käufer von mehr als einem Eier-Sixpack erwischt, dann wäre beim nächsten Besuch seiner Sprechstunde wieder einmal seine Standard-Standpauke fällig gewesen. Im Telegrammstil:

"Sie sind wohl lebensmüde!  
Wissen Sie eigentlich, was Sie sich da antun? 
Und das bei Ihren ohnehin nicht das ewige Leben verheißenden Laborwerten! 
Sie schaufeln da reines Cholesterin aus den Eierschalen. 
Da nützt es gar nichts, dass Sie endlich das Qualmen und Saufen aufgegeben haben." 
Kurz und erschreckend: Mein frühes, allzu frühes Ende war eine (vom Arzt) beschlossene Sache - wenn ich nicht nach dem fiesen Nikotin und dem bösen Alkohol auch den mörderischen Eiern, die in Wirklichkeit Cholesterin-Bomben sind, entsagen würde. 

Natürlich habe ich weiter rumgeeiert. Anders gesagt: Das ovale Stück Lebensfreude auf meinem Frühstückstisch ließ ich mir nicht nehmen. Dafür nahm ich gern in Kauf, dass mein Hausarzt von Jahr zu Jahr mehr und mehr zum lebenden Fragezeichen mutierte: Er konnte es einfach weder fassen noch verwinden, dass die Eier und das Cholesterin mich immer noch nicht umgebracht hatten. Fast schien er entrüstet, dass ich trotz Eier-Schleckerei nicht gewillt war, mich mit einem Herzschlag-Finale oder Schlaganfall aus seiner Patientendatei zu verabschieden, im Dahinscheiden endlich die Eierfreuden, denen ich gefrönt hatte, bitter bereuend.

Aber das schlechte Gewissen hat mich bei aller Sturheit eben doch mehr als sechs lange Jahrzehnte begleitet, jeden Morgen, wenn ich das Frühstücksei köpfte.

   Das Ei ist unschuldig   

Mit einer Mischung aus Erleichterung und Zorn lese ich jetzt, dass meine Frühstücks-Spassbremse (auch als mein Hausarzt bekannt) mich genauso schnöde veräppelt hat mit seinen ewigen Hass-Tiraden gegen das Ei im Allgemeinen und das Frühstücksei im Speziellen wie die Wissenschaftler, denen er nachplapperte - natürlich immer nichts als meine werte Gesundheit im Sinn.

Das Ei ist nicht nur lecker - es ist auch unschuldig. Das gilt nach vielem Hin und Her in der Forschung zumindest für das "schlechte" Cholesterin, in Fachkreisen kurz, knapp und wie üblich unverständlich als LDL bekannt.

Eine groß angelegte chinesisch-amerikanische Meta-Studie, bei der die Daten von mehr als einer viertel Million Patienten ausgewertet wurden, sprach das Ei weitgehend vom Vorwurf der Cholesterin-Vergifterei frei - mangels Beweisen. Selbst beim täglichen Konsum eines Eis ist nach der neuen Studie kein sonderlich erhöhtes Herzinfarkt- oder Schlaganfall-Risiko zu befürchten.

   Zum gesunden Ei das gesunde Lachsbötchen: Perfekt!   

Aber keine gute Nachricht ohne ein großes "Aber". Das Ei soll uns jetzt also schmecken - Frühstücksgenuss pur ohne Reue. Dafür klauen uns die Gesundheitsexperten jetzt aber Käse und Butter vom Frühstücksbrötchen. Einen größeren Einfluss auf den Cholesterinspiegel im Blut als das Cholesterin im Ei haben nämlich die berüchtigten gesättigten Fettsäuren. Und die finden sich nach wie vor vor allem in fettem Fleisch, Käse und Butter.

Aber meinen geliebten Matjeshering oder das Lachsbrötchen darf ich weiter genießen, fette Makrelen auch. Die tun mir mit ihren mehrfach ungesättigten Fettsäuren sogar gut - und jetzt sogar im geschmacklichen Einklang mit meinem geliebten Frühstücksei.

Mit durch und durch gesundem Appetit grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


Dienstag, 8. Januar 2013

Es ist nie zu spät - wozu?

Was hätte nur aus dir werden können? Das ist eine Frage, die mich Zeit meines Lebens anödet und nervt. Nun neige ich eher weniger dazu, zu Beginn eines neuen Jahres tiefsinnige Überlegungen darüber anzustellen, mit welchen angeblich "guten" Vorsätzen ich mich endlich optimieren (oder wenigstens ein bisschen „tunen“ oder „pimpen“) könnte - oder wie ich wenigstens die Welt verbessern könnte (wenn schon nicht mich). Solchen Fragen, auf die es keine vernünftigen Antworten gibt, mag ich nicht besonders.

Aber ich ziehe doch mal gern hin und wieder eine Art Bilanz meines Lebens und Erlebens. Und da taucht sie dann doch im Hinterstübchen meines Denkapparats wieder auf: Diese lästige und nervige Frage danach, was aus mir alles hätte werden können. Schlimmer noch: Was kann noch alles aus dir werden?

Die rein hypothetische Frage nach meinen nicht realisierten oder nur suboptimal genutzten Potentialen während der vergangenen gut sechseinhalb Jahrzehnte ist ja möglicherweise berechtigt. Ich selbst halte solche Fragestellungen für eher sinnbefreit und nicht - wie nennt man das doch heutzutage gern: ja, nicht zielführend.

Warum zum Teufel bin ich nicht Chefredakteur eines auflagenstarken Blättchens geworden - oder wenigstens Bundeskanzler oder Papst - oder Exbundespräsident?

   Hut oder Heiligenschein?   

Für einen Berufspolitiker oder religiösen Demagogen tauge ich definitiv nicht: Ich schaue beim Rasieren zu gern in den Spiegel - im Laufe der Jahre zwar immer desillusionierter, aber immerhin meist nicht angewidert. Das ist doch schon was und hilft mir immer wieder über den Tag. Dass ich mir am späten Abend neist den Spiegelblick verkneife, liegt einfach daran, dass ich dann in schwachen, sentimentalen Momenten vielleicht doch den Heiligenschein vermissen könnte, ohne den ich aber ansonsten ganz gut über die Runden komme, der mir aber – rein optisch gesehen - einfach gut zu Gesicht stünde. Es gibt ja bösartige Charaktere, die behaupten, ich sei nur Hutfetischist, weil ich Angst hätte, oben "ohne" würde mir der Heiligenschein unter dem Glatzendeckel entfleuchen. Alles Quatsch: Hut steht mir einfach noch besser als Heiligenschein.

Und Karriere im Job? Ich war und bin nicht sonderlich gut vernetzt, um das böse bajuwarische Wort von den "Spezerln" und "Amigos" nicht überzustrapazieren. Und: Ich leide unter einem notorisch unbeugsamen Rückgrat und habe zwar nichts gegen den lustvollen Austausch von Körperflüssigkeiten, bin da aber ausgesprochen wählerisch: Der Speichel von Vorgesetzten steht nicht auf meiner Speisekarte.

Ach so: Alles in allem gefällt mir, was aus mir "geworden" ist: Beruflich konnte ich vieles von dem leben, was mir wichtig war - und menschlich? Ach, das mit der menschlichen "Vollendung", dem "Gutmenschentum" und der "schönen Seele" ist so ein Ding für sich - mein Ding war und ist es nicht - und wird auf der Schlussgeraden meines Lebens wohl auch kaum zu meinem Ideal werden.

Mein Credo: Wer immer danach jagt, noch besser, noch erfolgreicher, noch anerkannter und noch be- und geliebter zu werden, der hat diesen Kampf schon verloren und wird verbittert und unausstehlich. Außerdem verpasst er die wirklich interessanten, spannenden und manchmal auch wichtigen Seiten des Lebens.

Wie mach' ich also weiter. Was "kann noch aus mir werden"? Würde ich jetzt anfangen, mich von dem sich sinnlos immer schneller werdenden Karussell mit all den Selbstdarstellern und effekthaschenden, glänzenden Schaumschlägern allerlei Geschlechts darauf, mitreißen zu lassen, dann würde mir allenfalls schwindlig; mein Leben bereichern würde es nicht.

Und was ist mit dem anderen Kalenderspruch, der mir immer öfter begegnet je älter ich werde: "Es ist nie zu spät" heißt es da trutzig - auch, wenn es meist ein wenig nach ängstlichem Pfeifen im dunklen Wald klingt.

"Nie" zu spät ist natürlich dummes Zeug: Unser letzter Atemzug widerlegt den Unsinn. Mir stellt sich aber eine andere Frage: "Nie zu spät - wozu"?

   Welt aus den Angeln heben? Sollen mal hübsch andere machen   

Jenseits aller Selbstgerechtigkeit und im Wissen aller Unzulänglichkeit, die mich wie die meisten meiner Mitmenschen auszeichnet, will ich im Großen und Ganzen so bleiben wie ich bin. Ich will mein Leben leben so angenehm wie es die schwindende Gesundheit ermöglicht. Ich glaube, das bekomme ich einigermaßen hin. Und "spektakuläre Erfolge" nach außen hin? Ich habe weder Kraft noch sonderliche Lust dazu, das, was ich zum Beispiel hier im Blog so verzapfe, zu vermarkten auf Deubel komm raus.

Ich freue mich über jede Leserin und jeden Leser, die - aus welchen Gründen auch immer - meine kritisch-journalistische und meine kreative Arbeit (als Jos van Aken) zur Kenntnis nehmen (wobei das kreative Tun mir immer wichtiger wird). Aber ich will nicht die Welt aus den Angeln heben, die sich nicht nur mir als ebenso suboptimal darstellt wie ich es selbst bin. Das sollen mal hübsch andere machen - oder vielleicht besser doch nicht.

Ein bisschen spät, aber nicht zu spät grüßt zum zum neuen Jahr

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


Mittwoch, 12. Dezember 2012

Gut gezwitschert – hilft auch nix

Was haben der Ratzinger-Sepp und seine Landsmännin, die Julia Probst, gemein? Nein, nicht nur ihre bajuwarische Heimat. Über diese Landsmannschaft hinaus verbindet den alten Mann, der mittlerweile einen Top-Job bei der römisch-katholischen Kirche hat, und die junge Frau, die gerne demnächst einen gut bezahlten Job in der großen Politik hätte, eine gemeinsame echte Leidenschaft: Sie zwitschern sich gern mal einen. Nein, nicht, was ihr jetzt schon wieder denkt: Die Trinkgewohnheiten der beiden kenne ich nicht - und es geht uns auch gar nichts an. Nein, sie zwitschern auf Denglish - und dann heißt es cyber-korrekt: Sie twittern.

Das gehört sich heute so. Twittern ist die hohe Kunst der Maulfaulheit und der sparsamen Sprache. Es ist gar nicht so einfach, in höchstens 140 Zeichen etwas Bemerkenswertes mitzuteilen. Mehr darf man nämlich nicht: Das sind die strengen Twitter-Spielregeln.

Dass die gehörlose Julia Probst und der katholische Herr Ratzinger, der unter dem Hashtag #AskPontifex zu erreichen ist, sich online im Halbsatz-Stil dem Rest der Welt offenbaren, hat gute und handfeste Gründe: Dem Papst zum Beispiel laufen die Schäfchen nicht nur in seiner deutschen Heimat in Scharen weg, und das Image der Heiligkeit des "heiligen Vaters" könnte auch mal eine Marketing-Politur vertragen.

   Auf Deubel komm raus zum Höheren berufen   

Und die Julia zieht es auf Deubel komm raus zu Höherem hin. Qualifikation und Substanz empfinden Karrieristen mittlerweile auf dem Weg in die möglichst satt honorierte Bedeutsamkeit ja eher als vernachlässigbar (da hatte der zwar dogmatische, aber immerhin gelehrte Kirchen-Professor Ratzinger doch noch was zu bieten). Bei Julia Probst sieht es nicht so gut aus mit der Qualifikation. Aber wenn das Sein nur wenig zu bieten hat, muss halt eine dicke Portion Schein her.

Wie auch immer: Ob der Ratzinger-Sepp, der sich neuerdings Benedikt nennt (ein absolutes Muss: Als Papst Sepp I. wäre ihm - nicht nur an fränkisch-protestantischen bayrisch-bierseligen Stammtischen flugs der Depp dazu gereimt worden) - ob der image-geschädigte Papst sich bei seinem Twitter-Coup die Julia Probst zum Vorbild genommen hat oder doch nicht, ist nicht bekannt (eigentlich hört der Papst nur auf eine Frau, und die heißt nicht Julia, sondern Maria.

Vielleicht war ihm aber doch zu Ohren gekommen, dass das Julchen in Neu-Ulm mittlerweile an die 23.000 Jüngerinnen und Jünger hat, die ihrer Twitter-Ikone treu und brav folgen (ganz im Sinne des demnächst mal wieder Geburtstag feiernden Wanderpredigers Jesus). Diese geradezu jesusmäßigen Jünger heißen bei Twitter logischerweise "Follower" (zu deutsch: Die Folgenden).

   Im Papamobil mit Twitter-Account auf der Überholspur   

Das müsste zu toppen sein, dachte sich der Ratzinger - und er behielt erst mal recht: Der zwitschernde Papst soll angeblich schon eine halbe Million Follower sein Eigen nennen, knapp 15.000 davon in Deutschland. Achtung, Julia: Der Papst boxt und steppt zwar nicht im Twitter, aber er prescht wohl demnächst mit Twitter-Account im Papamobil auch in Deutschland auf der Überholspur an dir vorbei.

Ganz im Vertrauen: Es lohnt sich gar nicht, liebe Julia Probst, dich weiter abzustrampeln. Die Masse bringt's nicht. Und gegen den päpstlichen Heiligenschein kannst du eh nicht anpolieren.

Überhaupt: Der Papst hat mit seinem tollen Twitter-Auftritt eine satte Bauchlandung hingelegt. Er hätte es wissen müssen: Nachdem die Satiriker von "Titanic" ihm seine blütenweiße Soutane beidseitig befleckt hatten (und sich kein ordentliches Gericht fand, das den allzu menschlichen Frevel der bösen Buben ahndete), hätte er doch zumindest ahnen können, dass seine Zwitscherei ihm mal wieder nur Häme und Spott einbringt. Nix da mit frommem Augenaufschlag und unterwürfiger Knierutscherei und Ring-Gelutsche. Die Masse der Twitter-Gemeinde ist bekanntlich alles andere als feinfühlig und haut gnadenlos auf alles, was ihr nicht koscher erscheint.

   Vom Blogger-Girlie zur Twitter-Queen   

Das blieb der Twitter-Queen Julia Probst bisher weitestgehend erspart. Sie hatte aber auch sorgfältige Vorarbeit geleistet: 2011 ließ sie sich zum "Blogger-Mädchen" küren (das ist so eine Art überaltertes Cyber-It-Girl") Ihre zahlenmäßig beachtliche Follower-Gemeinde rekrutierte sie dann mit der Fähigkeit, Worte von Lippen zu lesen. Das können viele gehörlose Menschen. Probst als mehr oder weniger taube Sportfanatikerin hatte eine followerträchtige Idee: Sie fing an, bei Fussball-Meisterschaften Trainern und Kickern Wortfetzen und Halbsätze von den Lippen zu lesen - und zwar am Fernseher. Und das zwitscherte sie unermüdlich zwischen spät-pubertären sexistischen Schwärmereien für männliche Körper und Kosmetik- und Mode-Tipps.

Viel kam da zwar nicht bei rum. Halbwegs normal tickenden Menschen ist es piepegal, ob Bundes-Jogi mal schwäbisch-herzhaft "Scheisse" brüllt auf der Trainerbank, wenn seine Jungs nicht so wollen wie er. Aber die Probst-Rechnung ging trotzdem erst mal auf: Ihre Followerschaft, die mittlerweile rund 26.000 zählen soll, ist offenbar erpicht auf die sportlichen Belanglosigkeiten, die sie in 140 Zeichen verkündet. Nun ja, die Masse der zutiefst unsportlichen, dafür aber grölenden und prügelnden Stadion-Stürmer hat ja wohl auch keine sonderlichen geistigen Bedürfnisse und ist leicht zufrieden zu stellen.

   Mit Behinderten-Bonus  hopp auf die Karriere-Leiter?  

Und dann fand die smarte junge Frau auch noch eine Partei, die sich von den Probst-Follower-Massen beeindruckt zeigte - und gern bereit war, einen dicken Behinderten-Bonus zu spenden. Nachdem absehbar war, dass die Grünen nicht wild darauf waren, unbedarfte Newcomer ohne jedes politische Können auf die Profipolitiker-Karriereleiter zu schubsen (und auch die Piraten ihrer bayerischen Heimat nicht daran dachten, dem Blogger- und Twitter-Girlie in den reichlich bezahlten Abgeordneten-Job zu verhelfen), schaffte es die gut vernetzte Julia Probst, bei den baden-württembergischen Piraten einen "sicheren" dritten Platz auf der Landesliste zur Bundestagswahl 2013 zu ergattern.

Die Freibeuter hatten wohl schlicht übersehen, dass Julia Probst zwar unter Fussball-Verrückten einen (ziemlich fragwürdigen) Ruf hat, aber unter engagierten behinderten Menschen und in der knochenharten Selbsthilfe- und Interessenarbeit der Behinderten so gut wie keine Rolle spielt. Sie wiederholt zwar gebetsmühlenartig einige Schlagworte aus den Forderungskatalogen der Behinderten-Vertretungen, ansonsten beschränkt sich ihr politisches Engagement aber eher auf den Kampf darum, sich selbst in Szene zu setzen und gemeinsam mit allen möglichen Promis aufs Foto zu kommen (sie beschwert sich immer noch lautstark darüber, dass sie ein Knipsbildchen, das sie innig vereint mit Angela Merkel zeigen soll, bisher nicht erhalten hat - offenbar ein echtes Probst-Problem).

   Da hilft auch kein willkommenes Shit-Stürmchen   

Alles Twittern hilft offenbar weder dem Papst noch Frau Probst. Den Seppl Ratzinger und sein neuerliches Gezwitscher nimmt niemand ernst, und die karrierebemühte Julia Probst hat offensichtlich auf das falsche Pferd gesetzt. Ihr "sicherer" Platz drei auf der Piraten-Landesliste ist bei Prognosen deutlich unter der Fünf-Prozent-Klausel alles andere als ein Freifahrschein für fette Abgeordneten-Diäten. Da nützt ihr auch das dümmliche Shit-Stürmchen wohl auch nur wenig, das ihr kürzlich nach einem unprofessionellen und weitestgehend substanzlosen Mini-Auftritt im ZDF entgegen wehte.

Ist vielleicht auch besser so: Als Parlaments-Piratin hätte sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jedem politischen Unsinn zugestimmt - solange ihr nur versprochen würde, dass der Quatsch untertitelt in die Medien käme.

Aber lassen wir sie ruhig weiter zwitschern: Den Herrn Papst und die Frau Probst. Aber bitte, bitte nicht länger als 140 Zeichen. Mehr halte ich von beiden nicht aus.

das seufzt
Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos



Freitag, 16. November 2012

Treffen sich zwei Senioren – politisch ganz korrekt

Ehrlich gesagt bin ich ein bekennender Witze-Hasser - zumindest, was schenkelklopfenden Stammtisch-"Humor" angeht. Aber ich liebe Witze, wo das Wort "Witz" im Sinne von "gewitzt" seine Berechtigung erfährt. Dazu gehören viele jiddische Witze - von jüdischen Menschen über jüdische Menschen erzählt -, der staubtrockene britische Humor und was sonst noch tiefschwarz daher kommt. Und manchmal schreibt das Leben als solches solche Witze.

Einer der wenigen Witze, die ich mir merken konnte - ich pflege normalerweise jegliche, noch so gute Pointe zu vermasseln - ist der von den beiden Jägern, die sich im Wald trafen. Ja, so war das wohl, erzählen sich Reh, Hirsch, Hase, Rebhuhn und Wildschwein gerne an dämmerigen Abenden im Schutz des Dickichts - und grinsen schäbig-schadenfroh, aber irgendwie doch lebensbejahend. Ist eben alles eine Frage der jeweiligen Perspektive.

An diesen Witz im Telegrammstil, der nicht nur bei plauderndem Wild im Wald, sondern auch bei Vegetariern immer wieder gern die Runde macht, erinnerte mich dieser Tage ein an sich tieftrauriges und irgendwie schon tragisches Geschehen im schönen Nordhessen. Was war dort geschehen? Nichts Lustiges, das sei vorsichtshalber erwähnt - aber auch das Treffen der Jäger reizt zwar zum Lachen, ist aber ebenfalls ganz und gar nicht zum Lachen.

Die DPA-Meldung, die (fast) Jäger-Witz-Niveau hat, lautet (fast so kurz wie dieser Klassiker): 100-jähriger erlegt 88-jährige. Zugegeben: Für beide wohl eine zutiefst traumatische Begegnung. Vor allem aber eine, die jeglicher political correctness spottet. Politisch korrekt wäre nämlich die Message, dass Mobilität ohne Wenn und Aber gesund ist - bis ins hohe Alter und jeder körperlichen Einschränkung eisern die Stirn zeigend (passender: die Hacken der davon preschenden Laufschuhe). In manchen Behindertenkreisen werden um jeden Preis mobile Leidensgenossen verehrt wie Bolle - ich warte geduldig drauf, dass endlich die durchgeschwitzten Radler-Trikots jener Helden meistbietend versteigert werden.

Gar so gesund scheint mir der politisch-korrekte Mobilitäts-Glaube nun doch nicht zu sein. Hätte die 88jährige alte Dame sich doch bloß nicht in den Bus gesetzt und vor allem: Wäre sie doch bloß nicht wie so ein junger Springinsfeld nach Erreichen ihres Ziels hinter dem Bus her (und durch diesen gut getarnt) ausgesprochen mobil über die Fahrbahn gehüpft.

Und hätte der 100-jährige immerjunge Greis sich doch bloß nicht - mobilitätsversessen und damit politisch-korrekt - hinter das Steuer seines Automobils gesetzt und wäre er doch bloß nicht losgefahren.

Beide folgten aber eben doch dem derzeitigen äußerst bewegten Zeitgeist - bis sie sich trafen. Ironie des schwarzhumorigen Schicksals: Die vergleichsweise junge Frau überlebte dank fehlender Knautschzonen und Airbags das Rendezvous nicht, während der 100-jährige Automobilist mit dem gebührenden Bedauern, aber wohlbehalten seinem nur leicht lädierten Auto entstieg.

Wie auch immer: Wären beide, nicht gar so mobil, mal zu Hause geblieben, hätten sie sich nicht getroffen. Politisch nicht ganz korrekt, aber unbeschadet.

Schön vor- und umsichtig seinen Rollator durch den Park schubsend grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


Dienstag, 30. Oktober 2012

Wenn Ärzte sprechen lernen

Achtung, aufgepasst: Ein gewisses Misstrauen ist angesagt, wenn uns beim nächsten Arzt-Besuch der Doc plötzlich anders als gewohnt begegnet: Nanu, denkt der an sich arglose Patient - der hängt ja mit einem Mal gar nicht mehr schludrig und müde wie üblich über seinem Schreibtisch, sondern sitzt plötzlich aufrecht und locker zugleich in seinem Designer-Chefarzt-Sessel wie so ein geschniegelter und gestriegelter korrekter Nachrichtensprecher im Fernsehen.

Keine Bange: Der Arzt hat nicht etwa an seinen von spendablen Pharmakonzernen und deren Klinkenputzern großzügig verteilten Pillen-Pröbchen genascht. Er ist wahrscheinlich lediglich Abonnent einer Fachzeitung für das Weißkittelgewerbe und setzt jetzt die neusten Marketingstrategien ein.

Spätestens wenn der gute alte Doc nicht mehr vor sich hin nuschelt, wie Herbert Grönemeyer in seinen besten Zeiten, sondern akzentuiert, klar und deutlich dem überraschten Menschlein da vor seinem Schreibtisch mitteilt, was ihn plagt und warum das so ist, weiß der Patient: Mein Doc ist immer noch derselbe, den ich seit Jahren mit seinen Macken mag und dem ich mehr oder weniger vertraue - er hat aber offensichtlich die "Ärzte Zeitung" besonders gründlich gelesen und folgt den Ratschlägen der Fachjournalisten aus dem Springer Verlag (nein nicht der mit dem Blöd-Blatt, sondern der gleichnamige Wissenschaftsverlag).

Die Ärzte Zeitung verriet nämlich kürzlich, wie Mediziner die viel zitierte und gelobte Compliance verbessern können: Mit ihrer Stimme.

 So verbessern Sie die Willfährigkeit Ihrer Patienten ...

Ach so, Compliance ist seit einigen Jahren DAS Erfolgsrezept der Ärzte. Das chice englische Wort bedeutet so viel wie "Beachtung, Nachgiebigkeit, Fügsamkeit, Willfährigkeit". Wenn wir unsere Ärzte (die ja nicht automatisch perfekte Kenner der englischen Sprache sind), fragen, "übersetzen" sie die "Compliance" allerdings fast ausnahmslos, aber falsch mit "Vertrauen"; aber das nur am Rande angemerkt.

Also: Die Compliance lässt sich per Stimme verbessern. Anders gesagt: Willst du deinen Patienten fügsam und willfährig machen, dann lass ihn dem Zauber deiner Stimme erliegen - und schon wird er - ohne lästige Diskussionen - brav das schlucken, was du ihm auf den Rezeptblock schreibst. Praktisch, nicht wahr.

Als leidenschaftlicher und geübter Spielverderber verrate ich hier mal, wie die fortbildungswilligen Mediziner ihre Stimme, die "Visitenkarte des Arztes" (Originalton "Ärzte Zeitung") trainieren sollen. Übrigens: Nichts an den folgenden Tipps entspringt meiner überbordenden Phantasie - ich zitiere wirklich nur einige Ratschläge des Fachblatts -nachzulesen in der Online-Ausgabe vom 39.10.2012.

   Kauen, Gähnen, Zunge raus   

Das ebenso lockere wie aufrechte Sitzen hatte ich bereits erwähnt. Sollte ihr Arzt ihnen dabei übrigens die Zunge ausstrecken oder sie heftig kauend und dabei raubtierartig gähnend begegnen, ist das kein Grund zur Beunruhigung - er macht nur gerade sein Sprechtraining.

Zitat "Ärzte Zeitung": "Mund, Rachen und Hals kann man etwa durch Leerkauen, Herausstrecken der Zunge oder Gähnen lockern".

Verständnisvoll lauschen sollte der geduldige Patient dem Arzt auch, wenn der papageienhaft die bedeutungsschwangeren Worte "Hmmm" und "Aha" wiederholt (übrigens ohnehin eine der beliebtesten Reaktionen von neunmalklugen Medizinern auf das dumme Patientengeschwätz).

  Aha und Hmmm - so klingt's natürlich und wird angenehm erlebt   

"Aha" und "Hmmm" sind nämlich laut Ärzte Zeitung-Ratgeber die idealen Mittel, um die sogenannte "Indifferenzlage" der Stimme zu üben. In dieser Lage hat laut Ratgeber die Stimme nämlich "den besten und vollsten Klang - dann klingt sie natürlich und wird als angenehm erlebt" - stellen die Marketingexperten fest.

Aha

Und ein gewisser Dr. Thomas M.H. Berger, der nicht nur Dermatologe, sondern laut Ärzte Zeitung auch kongenialer Kommunikationstrainer ist, hat schließlich noch den ultimativen Ratschlag parat.

Sätze beenden. Aber nicht einfach zu Ende bringen - das ist ja zuweilen schon gar nicht so einfach. Nein: Runter mit der Stimme, fordert Dr. Thomas M.H. Berger kategorisch. Warum? Bleibt die Stimme - hat man denn endlich ein Satzende gefunden, nämlich oben, wird eine Frage draus.

Hmmm

Also ganz ehrlich: Mir ist mein nuschelnder Lieblings-Doc, der müde und überarbeitet wie ein nasser Sack in seinem alten Schreibtischstuhl hängt und seine Sätze oft nicht wirklich zu Ende bringt, doch lieber. Da fällt es mir nun mal viel leichter, auf die blöde willfährige Compliance zu pfeifen.

Nach wie vor seinem marketing-unerfahrenen Arzt vertrauend und ihm gerne und fröhlich widersprechend grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


Samstag, 27. Oktober 2012

Zwangsausschlafen? Nein danke


Soll ich oder soll ich nicht? Ich muss wohl. Aber ich tu's nicht. Nein, ich weigere mich einfach. Ich mach den Spielverderber. Ich gönn' mir ja sonst nicht so viel. Aber ich mag mich nicht zwingen lassen. Macht doch alle, was ihr sollt. Aber ohne mich.
Während sich die Nation pflichtschuldig morgen früh noch eine Stunde - wahrscheinlich schlaflos - im Bett rumquält und sich nicht entscheiden kann, ob sie das staatliche Diktat nun besser rechts-oder linkslägrig, auf dem Bauch oder eher in Rückenlage ausliegen sollte, werde ich wie gewohnt aufstehen, zur gleichen Zeit wie immer, wenn auch nicht zur gleichen Stunde. Während die Funkuhr-Sklaven sich ruhelos in den Kissen wälzen und darauf warten, dass die ordentliche, nein: die verordnete offiziöse staatlich genehmigte Uhrzeit endlich den Wecker piepsen lässt, sitze ich längst ausgeschlafen und frischgeduscht in bester Sonntagslaune am üppig gedeckten Frühstückstisch, freue mich auf die Brötchen, die schon appetitfördernd im Backofen duften, und nehme den ersten, den köstlichsten Schluck tiefschwarzen aromatischen Morgenkaffee.
Nein, ich lass mich nicht in die Winterzeit zwingen.
Und wenn all die anderen ordentlichen Winterzeit-Bürger endlich aufstehen dürfen und sich erleichtert unter die Dusche flüchten – dann leg' ich mich - ganz wie zu Sommerzeit-Zeiten - nochmal ein Stündchen auf die Couch und träum‘ mir was vom Frühling - genauer gesagt vom letzten Märzsonntag - das ist im nächsten Jahr der 31. März. Da bin ich dank Umstellung auf Sommerzeit dann auch wieder mit der Uhrzeit im Reinen.
Aber weil ich eben doch kein beinharter Staatsfeind bin, will ich mal nicht so sein und schlaf meinetwegen ab Montag mal ein Stündchen länger. Der Klügere gibt nach.
Ansonsten grüßt zeitlos
Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


Freitag, 19. Oktober 2012

Die Jos-Kolumne
Wer nicht sehen kann, muss fühlen

.. oder warum der Einsatz blinder Polizisten zwar inklusionsfördernd, aber nicht wirklich sinnvoll ist

Ein Blindenstock kann, kraftvoll und treffsicher geschwungen, durchaus zur gefährlichen Waffe werden. Blinde pflegen in der Regel aber mit ihrem Orientierungs-Hilfsmittel niemanden niederzuschlagen - schon gar keine Polizisten.

Wie auch - sie erkennen diese zuweilen ein wenig bedrohlichen wirkenden Gestalten in ihren strengen Uniformen ja nicht - es sei denn, diese stellen sich vernehmlich und korrekt vor. Zum Beispiel so: " Gestatten, ich bin der Hauptwachmeister Dimpfelmoser, und ich fühle mich durch ihren Stock bedroht."

Der Blinde könnte sich dann als solcher ausweisen, zum Beispiel mit Hilfe seines amtlichen Schwerbehindertenausweises mit dem unverwechselbaren Merkzeichen "Bl" für "blind wie ein Maulwurf". Er würde den Ordnungshüter aufklären über die eher pazifistische Gesinnung seines Tast-Stocks, und vielleicht würden das mäßig besoldete Mitglied der amtlich eingekleideten Trachtengruppe und der sehbehinderte Stock-Träger einen Kaffee trinken in dem kleinen Café an der Ecke - natürlich nur, wenn der Ordnungshüter dienstfrei wäre. Der Beginn einer wunderbaren, Barrieren überwindenden Freundschaft. Casablanca lässt grüßen.

   So ist das Leben - in Readers Digest und Internet(t)-Foren   

Rührend, nicht wahr? Solche Geschichten werden gerne im "Readers Digest" abgedruckt und begeistert in einschlägigen Internet(t)foren chronisch Kranker und Behinderter abgeschrieben.

Aber das wahre Leben ist nicht immer nett.

Der gerade geschilderte, den Gepflogenheiten der Zivilisation folgende Dialog "Mensch meets Uniform" klingt ja nicht schlecht, wenn auch ein wenig übertrieben. Und: Diese Szene war zugegebenermaßen frei erfunden. Beinahe jedenfalls.

Fairerweise und desillusionierend hier nun die wahre Geschichte, die nicht in der überbordenden Phantasie des Autors entstand, sondern so, wie sich wirklich zugetragen hat:

   Blinde Bobbies auf Streife?   

Tatsächlich ist der Blinde unserer liebe- und friedvollen Spinnerei auch im realen Geschehen ein blinder Mensch. Das Wunderbare in zumindest der britischen Realität ist aber, dass die Engländer anscheinend schon viel weiter sind in Sachen Inklusion: Die Insulaner jenseits des Ärmelkanals schicken nämlich - anders als wir übervorsichtigen und Behinderte diskriminierenden Kontinental-Europäer – offenbar bereits stark sehbehinderte Polizeibeamte auf Streife. Und die sind zu allem entschlossen. Vor allem haben sie in ihrer sorgfältigen Ausbildung eines gelernt: Behinderte Bürger haben keinen Behinderten-Bonus, sondern ein Anrecht darauf, genauso mies behandelt zu werden wie jeder andere, den sie, die Vollstrecker der öffentlichen Ordnung, in putativer Notwehr zur Strecke bringen.

Nun wollte es das Schicksal, dass einer dieser halbblinden Streifenpolizisten in Ausübung seines amtlich subventionierten Spaziergangs einem ganz und gar Blinden begegnete - es war übrigens im schönen Städtchen Chorley im Nordwesten Englands, im Südosten der Grafschaft Lancashire genauer gesagt.

Unser nicht sonderlich scharfsichtiger Polizist war auf das, was dann geschah, bestens vorbereitet. Seine Zentrale hatte ihn nämlich gerade erst gewarnt, dass ein gefährlicher Irrer mit einem Samurai-Schwert durch die Straßen und Gassen von Chorley irre (Irre gehen nicht: Irre irren - umher!).

Und dann tauchte vor den auf das Schlimmste vorbereiteten schwachen Augen des auf Beförderung und Tapferkeitsmedaille hoffenden Exekutiv-Beamten jener unselige Blinde mit seinem Blindenstock auf. Natürlich erkennt unser von seinen Vorgesetzten auf Krawall gebürsteter Polizist in dem Stock - ein Samurai-Schwert, was sonst ... Immerhin sind Stock wie Schwert gleichermaßen ebenso schlank wie lang.

Und irgendwie muss die Mentalität US-amerikanischer Sheriffs auf eher biedere britische Sergeants abgefärbt haben. In der Bronx gilt die bewährte eherne Sheriff-Maxime: "Erst schießen, dann fragen". Unserem Polizisten im beschaulichen Chorley fiel reflexartig aber dann aber doch noch die einschlägige Dienstvorschrift ein. Also forderte er mannhaft und korrekt den vermeintlichen "Samurai-Krieger" auf, sofort stehen zu bleiben.

Der Blinde, der behindertenbedingt den Polizisten optisch nicht als solchen identifizieren konnte, und übrigens gar nicht wusste, dass er mit der barschen Aufforderung gemeint war, setzte also friedlich seinen Weg fort, sich mit Hilfe seines Stocks vorwärts tastend. Tapp, Tapp, Tapp.

Das war eindeutig zu viel. Der britische Bobby, der sich schon halb geköpft oder aufgeschlitzt sah von dem bedrohlichen Blindenstock-Samuraischwert, zögerte keine Sekunde zu lang. Er erlegte den Schurken - mit elektrischen Starkstromstößen aus seiner Taserpistole.

   "Das tut uns extrem leid ..."   

Der Blinde überlebte die ordnungspolitische Maßnahme und konnte nach kurzer Behandlung bald schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Und die Polizeibehörde von Chorley? Die ließ in der Ortspresse britisch-zurückhaltend verlautbaren: "Es tut uns extrem leid"

Ob die tapfere One-Man-Samurai-Taskforce in Gestalt unseres heldenhaften Polizisten weiter auf der Jagd nach Stockträgern Streife geht und ob ihm die Behörde dazu vielleicht eine Sehhilfe in Form einer Brille spendiert hat, ist nicht bekannt.

Seinen sonst gelegentlich benutzten Gehstock vorerst lieber doch zu Hause lassend grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


Montag, 15. Oktober 2012

Fallen Felix vs. Jumping Jos and his Magic Flying Frame


Who the fuck is Fallen Felix? Wenn ihr mich fragt: Ein ziemlich tief gefallener Knabe, der obendrein seinen Sponsor, das Rote Rindvieh, bis auf die Knochen blamiert hat. Die klebrige scheußlich nach rosa Bonbons schmeckende Brühe soll ja angeblich Flügel verleihen - dem Felix hat's nichts geholfen: Er ist trotzdem runtergefallen. Davon, dass er dabei die berühmt-berüchtigte Schallmauer durchbrochen hat, hat er gar nichts gemerkt, und er kann ja auch nix dafür: Das ist eben Natur pur.

Und der alte Isaac Newton musste sich zum Nachweis der Schwerkraft nicht einmal tollkühn aus einem Ballon stürzen - ihm reichte ein harter Apfel, der im freien Fall auf seinem Dätz landete, für die wissenschaftliche Entdeckung.

Ist eben alles relativ.

Der Baumgartner-Felix ist ja bekanntlich rund 39 Kilometer weit (oder tief) gesprungen. Ganz schön. Wenn ich aber bedenke, dass der sprichwörtliche Katzensprung von meiner Wahlheimat Braunschweig ins benachbarte Helmstedt ziemlich genau der Baumgartner-Strecke Ballon - Roswell entspricht, klingt das schon nicht mehr so doll.

A propos Roswell: Will man Ufologen Glauben schenken, dann ist genau da 1947 eine "Fliegende Untertasse" vom Himmel gefallen - nicht mit dem Fallen Felix an Bord, sondern mit waschechten Aliens. Das ist der Stoff aus dem ETs gemacht werden.

Übrigens: Die 39 Kilometer, die sich unser neuer Hero Felix runterpurzeln ließ, schaffe ich auch - und auch ich stoße dabei an meine Konditionsgrenzen - auf meinem geliebten Tiefeinsteigerfahrrad. Wie gesagt: Alles relativ.

Und im Traum, da trete ich bestimmt mal gegen den Base-Jumper an - ganz ohne Energydrink-Doping meinerseits. Fallen Felix vs. Jumping Jos mit seinem Magic-Walking bzw. Flying Frame. Das wird ein Spaß,

freut sich schon jetzt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos

Sonntag, 14. Oktober 2012

Rent-a-Säuli

Unsere Schweizer Nachbarn haben Phantasie, und sie sind erfinderisch. Wer sonst käme auf die Wahnsinnsidee, mit Pfeilen auf unschuldige Äpfel zu schießen? Und die Zucker-Bömbchen namens Ricola haben mitnichten schwitzende notdürftig bekleidete Finnen erfunden, sondern natürlich - die Schwyzer - ebenso wie die dreieckige Schoki und die Löcher im Käse.

Ach ja, sparsam sind die Schweizer auch - und tierlieb. Die letzteren Tugenden dürften Pate gestanden haben bei der Erfindung der Prisca Küng. Die ist nicht verwandt oder verschwägert mit dem katholischen Kirchenrebellen Hans, dafür wohnt sie aber in dem bislang über seine Grenzen hinaus wenig bekannten Dorf Hinwil-Hadlikon (wenn schon klein, dann wenigstens mit Bindestrich). Dieses Gemeinwesen liegt nahe Zürich und ist weiter nicht bedeutend für diesen Bericht.

Die Prisca (nicht der gleichnamige Hans) hat eine epochale Erfindung gemacht, die auch uns Chronikern und Behinderten, die gern schon mal eines tierischen Seelentrösters bedürfen, aus einer scheußlichen Bredouille heraus hilft. Auch unsereiner hält sich mangels Hund vielleicht ein putziges Meerschweinchen.. Das saut zwar ganz schön rum in seinem Gehäuse und vernichtet erstaunliche Mengen, geradezu Fuder, an Heu, ist aber ansonsten recht anspruchslos. Es muss nicht spazierengeführt werden, beißt keine Briefträger, bellt nicht und hat wunderbare Knopfaugen..

Was will man mehr?

Zwei Meerschweinchen natürlich. Denn diese possierlichen Nager sind ausgesprochen gesellig. Sie halten sich strikt an das Wort des Herrn (bezeugt in Luthers Bibel bei Mose 2), wo es heißt: Es ist nicht gut, dass die Meersau allein sei. (Der sonst so geniale Martin Luther hat das Wort "Meersau" - im althebräischen Original sogar ein wenig verkürzt als "Sau" bezeichnet - irrtümlicherweise mit "Mensch" übersetzt). Aber sei's drum: Meerschweinchen sind streng gläubig und leben seither nur noch zu Zweit. Mindestens.

Heute haben wir dieses merkwürdige Verhalten (allein bekämen sie doch ein viel größeres Stück vom Heuhaufen ab) in den Tierschutz übernommen. Der Sau ihr Wille ist eben ihr - hoffentlich kastriertes - Himmelreich.

   Seit 2008 das ächt Schwyzer Meersäuli-Singeverbot    

Und die Schweizer - um endlich wieder zu unserer Geschichte zurück zu finden - sind nicht nur etwas seltsam (siehe: Apfel-Pfeil!), sparsam und erfinderisch, sondern auch besonders tierlieb: Und weil die Eidgenossen sich leidenschaftlich gern an präzise Gesetze halten, revidierten sie 2008 ihr in die Jahre gekommenes Tierschutzgesetz und schrieben bei der günstigen Gelegenheit gleich ein Meersäuli-Singleverbot mit hinein. Meersäuli, das sind ächt Schwyzer Meerschweinchen.

Seither ist es streng verboten, die Säuli in der Schwyz in lebenslusttötender Einsamkeit zu halten.

Unserer wackeren Prisca Küng aus Hinwil-Hadlikon ließ das keine Ruhe. Das neue Gesetz, das endlich mehr Meerschweine befahl, gefiel ihr an sich schon mal gut: Prisca züchtet nämlich die Säuli mit Leidenschaft und erfolgreich. So ein Säuli kostet unter Eidgenossen durchaus seine 30 Fränkli - das sind 3.000 Räppli!

Was nun, wenn der Tod ein heimisches Meerschweimchen-Paar scheidet. Dann ist die überlebende kleine Sau traurig (klar)- und die Halter werden zu Gesetzesbrechern - für ordentliche Schwyzer-Leut‘ eine grässliche Vorstellung.

Aber es gibt ja die Prisca Küng (aus Hinwil-Hadlikon). Die hat nämlich das Meerschweinchen-Leasing erfunden: Bei ihr kann man ganz einfach eine zweite Meersau dazu mieten - nach dem Prinzip "Rent-a-Säuli". Und schon haben sich wieder alle lieb: die Meerschweinchen - und die Menschen, die nun keine Strafe mehr befürchten müssen, weil sie gegen das Sau-Single-Verbot verstoßen haben.

   Geschäftstüchtig wie Novartis und Hoffmann-La Roche zusammen   

Und die Prisca Küng, die reibt sich die Hände wie einen Schabziger (das ist so ein grüner steinharter Schweizer Kräuterkäse, der gerieben wird, dass es nur so staubt). Die Helveticerin ist nämlich nicht nur tierlieb, sondern vor allem geschäftstüchtig wie die Schwyzer Pillendreher Novartis und Hoffmann-La Roche zusammen.

"Rent-a-Säuli" ist nämlich nichts anderes als ein schlauer Marketing-Gag (Man denke nur an Toblerone): Wer nämlich meint, er könne mit dem geleasten Meerschwein auch nur ein Räppli einsparen, der irrt: Die geleasten Meerschweichen kosten nämlich auch die üblichen 30 Franken. Der einzige Unterschied zum Meerschwein-Kauf: Stirbt das ursprüngliche und höchst illegale Single -Säuli, würde das ganze Theater ja von vorne losgegeben. Die Mieter haben dann die Wahl, eine zweite Meersau bei der Prisca zu "mieten" oder tatsächlich das erste geleaste Schweinderl wieder an die Frau in Hinwil-Hadlikon zurück zu geben - dann bekommen sie einen kleinen Teil der als "Mietgebühr" getarnten Kaufsumme zurück.

Zum Quieken findet das

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos

Montag, 8. Oktober 2012

Hilde, die Wilde

Hilde hat mal wieder eine Vision Repro: Wikipedia
Schlechte Karten haben wir Skeptiker in diesen Tagen allemal. Wenn wir es aber wagen sollten, weiterhin über den Unsinn einer sich alternativ-fortschrittlich gebärdenden Medizin zu spotten, die zwar keinerlei seriösen Hintergrund hat, diesen Schönheitsfehler aber locker durch Geheimnisumwabertes, Mystisches, am besten gar Heiliges ersetzt - wenn wir uns so vermessen für ebenso hinterfragenswürdige, aber durchschau- und nachvollziehbare, zugegeben ziemlich langweilige Schul-Medizin entscheiden, dann wird der Chor der Volks- und Naturheilkundigen uns tumben Ungläubigen einen Namen entgegendonnern, gegen den wir mit unserem schlichten Menschenverstand keine Chance haben:

HILDEGARD

Gemeint ist natürlich nicht meine gleichnamige Lieblingsschwester, sondern die mittelalterliche Nonne Hildegard von Bingen - eigentlich hieß sie sie übrigens Hildegard von Hosenbach (aber das passt nicht so recht zu ihrem Image, für das sie schon zu Lebzeiten sorgte).

Heilig gesprochen wurde der mittelalterliche Popstar der Heilkunde sicherheitshalber gleich zweimal: Dem Herrn Ratzinger, der zurzeit alles heilig spricht, was sich nicht mehr wehren kann, schien die Kanonisierung Hildegard von Hosenbachs, also die Aufnahme in das Adressverzeichnis der Heiligen, im Jahr des Herrn 1584 nicht sicher genug. Nach dem gesunden urdeutschen Grundsatz "Doppelt gemoppelt hält besser" schob er im Mai diesen Jahres eine zweite Heiligsprechung nach. Und - um ganz sicher zu gehen - ernannte er sie gestern auch noch zu einer Art von Superheiligen: Sie wurde in die Reihe der Kirchenlehrer aufgenommen. Wetten, dass uns Kritikern diese Titel als Totschlag-Argumente um die Ohren gehauen werden?

Die nach der Urmutter der europäischen Alternativmedizin benannte "Hildegard-Medizin" wurde zwar erst im 20. Jahrhundert werbewirksam und verkaufsfördernd erfunden; aber die fromme Frau hat sich tatsächlich selbst intensiv um allerlei Mittelchen und Kräutlein gekümmert, mit denen man im Mittelalter mangels der modernen Medizin unserer Tage samt ihren Risiken und Nebenwirkungen mehr oder weniger erfolgreich versuchte, dies und jenes Zipperlein zu lindern oder zu heilen.

Hildegard und ihre Mitnonnen verscherbelten zwar vor allem den guten Rheingau-Wein, um Dienstleistungen und Waren zu bezahlen. Sie wären aber gewiss schon vor 800 Jahren nicht abgeneigt gewesen einen Hildegard-Kräuterlikör zu 34,60 Euro je Liter, das 128-seitige Werk zum Thema "Die Heilkraft der Edelsteine" oder Tütchen mit Bio-Dinkelwalznudeln im und mit dem Namen der heiligen Hildegard von Bingen zu vermarkten.

   Bluten à la Hildegard - natürlich bei Vollmond   

Und wer als Heilpraktiker bei seiner Kundschaft so richtig Eindruck schinden will, praktiziert den Aderlass nach den Vorgaben von Hildegard – ausschließlich bei Vollmond oder in den Tagen danach, damit auch alle giftigen Stoffe wirklich aus dem Körper abfließen. Dass Aroniabeeren, deren Saft "in der Tradition von Hildegard" gewinnbringende verkauft wird, aus Nordamerika stammen und der heilbringenden Hilde im 12. Jahrhundert absolut unbekannt waren, stört die echten Hildegardianer nicht die Bohne (oder Beere).

Unser Hildchen war schon eine richtige Kräuterhexe; in ihrem Eifer - und auf den blinden Placebo-Glauben der Kundschaft vertrauend - leistete sie sich aber doch so diesen und jenen blödsinnigen bis lebensgefährlichen Missgriff: Das Herumfuchteln und Platzieren von Edelsteinen oder Kräutern auf dem leidenden Leib war ja nicht weiter schädlich, aber Maiglöckchen und Wolfsmilch als von Hildegard auf Wärmste empfohlene Medizin dürfte damals wie heute eher finalen Nutzen gehabt haben. Johannes Mayer, Leiter der "Forschergruppe Klostermedizin" an der Universität Würzburg, warnt in der WELT: "Es gibt Rezepturen, die würde ich nicht einnehmen."

   Die Sexpertin Hildegard   

Aber ein Verdienst gebührt tatsächlich der Nonne aus dem Rheingau: Sie beschrieb in ihren "Scivias" als erste den Orgasmus aus weiblicher Sicht. Das gefällt mir und versöhnt mich mit dem Hildchen - obwohl: War da nicht was mit Gelübden der Nonnenschaft? Armut und Gehorsam geloben die frommen Frauen bis in die heutigen Tage und - Keuschheit. Na ja.

Möglicherweise war die frischgebackene Kirchenlehrerin und doppelt gemoppelte Heilige doch nicht "Hilde, die Milde", sondern " Hilde die Wilde". Sie wird mir immer sympathischer.

Als neuer Fast-Hilde-Fan grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos